Krebsschnüffler sucht Arbeit

4. Juni 2019 von Paolo Zambianchi

Krebs, die zweithäufigste Todesursache in der ersten Welt. Je früher Krebs erkannt wird, desto grösser sind die Heilungschancen. Hier kommt die hündische Supernase ins Spiel: Hunde können flüchtige Duftstoffe riechen, die Krebszellen bereits im Frühstadium abgeben.

Eine Reportage von Eva Waiblinger, Fachstelle Heimtiere, Schweizer Tierschutz STS.

Es wedelt nicht nur der Schwanz, sondern fast der ganze Hund: Daisy kann es kaum erwarten, zur Arbeit zu gehen. Der honigbraune Labrador trägt eine rote Schabracke mit der Aufschrift „Bio Detection Dog“, also Bio-Spürhund. Und das ist auch Daisys Aufgabe, denn sie ist ausgebildeter Krebsschnüffelhund. Mit ihrer Halterin, der Claire Guest betritt sie den Testraum, in dem ein futuristisches Karussell aus Chromstahl aufgebaut ist. Rings um das Karussell sind mit Klammern acht Plastikdöschen befestigt, in jedem ein bisschen Fliesspapier, das mit einigen Tropfen Urin getränkt ist. Dieser stammt von Patienten mit verschiedenen Erkrankungen von Niere oder Blase, aber nur eine einzige Urinprobe von einem Patienten mit Nierenkrebs ist darunter. Claire schickt Daisy los, sie geht zügig um das Karussell herum, schnuppert fast nachlässig an den Döschen und setzt sich dann kurzentschlossen vor eines hin. Es ist die Urinprobe des Nierenkrebspatienten. Claire betätigt den Clicker, einen kleinen Knallfrosch, und für Daisy heisst das „Gut gemacht!“. Die Hündin geht zu ihrer Halterin zurück, setzt sich erwartungsvoll hin und bekommt einen Hundekeks zur Belohnung.

Claire Guests Geschichte mit den Krebsschnüffelhunden hat mit einer Zufallsbeobachtung begonnen. Sie beschreibt, wie ihre damalige Hündin sie immer wieder ansprang, immer an die rechte Brust. Beunruhigt ging Claire daraufhin zum Arzt, der zwar nichts ertasten konnte, aber ein Mammogramm anfertigte, und siehe da: Brustkrebs im Frühstadium, der sich noch relativ einfach entfernen und therapieren liess. Beide waren so fasziniert von der Reaktion des Hundes, dass sie die erste systematische wissenschaftliche Studie über Krebsschnüffelhunde initiierten, die 2004 herauskam. Für die Studie trainierten sie sechs Hunde verschiedener Rassen mit Clicker und Belohnung, so dass diese lernten, unter sieben Urinproben diejenige zu finden, die von einem Patienten mit Blasenkrebs stammte. Um die Krebsprobe anzuzeigen, legten sich die Hunde vor dieser Probe hin. Die Hunde waren viermal zuverlässiger als wenn sie zufällig gewählt hätten. Bei der Urinprobe eines scheinbar gesunden Mannes zeigten die Hunde übereinstimmend Krebs an. Nach einer gründlichen Untersuchung fand man bei ihm zwar keinen Blasenkrebs, aber Nierenkrebs. Die Hunde hatten also das Gelernte auf eine andere Krebsart generalisiert!

Unterdessen haben Forscher in verschiedenen Ländern weitere Untersuchungen gemacht. Die Ausbeute ist beachtlich: An ausgeatmeter Luft, die in einem Röhrchen eingefangen wird, können Hunde Lungen- und Brustkrebs erkennen, an Urin Blasen- und Nierenkrebs, an verdünntem Kot Darmkrebs, mit einer Zuverlässigkeit von zwischen 70% und gar 99% bei Lungenkrebs. Claire Guest vermutet, dass die Hunde flüchtige Stoffe riechen können, die nur Tumorzellen abgeben, nicht aber gesunde Zellen. Jede Krankheit habe so etwas wie eine Geruchssignatur, die der Hund wahrnehmen könne, da sein Geruchssinn eine Million mal empfindlicher sei als die des Menschen.

Obwohl die Forschungsresultate viel versprechend sind, kommt Dr. med. Fido Supernase aber ausserhalb von wissenschaftlichen Studien noch nirgends in der Krebs-Frühdiagnose zum Einsatz, denn Ärzte und Hundetrainer müssen erst noch zueinander finden. Lungenkrebsspezialist Prof. Thorsten Walles von der Universitätsklinik Würzburg, der selbst eine Krebsschnüffler-Studie geleitet hat, sagt dazu: „Damit Spürhunde eine Rolle bei einem verlässlichen Screeningverfahren für Lungenkrebs spielen können, müssen sie von geschulten Fachkräften geführt werden, die einem strikten Trainingsprotokoll folgen. Gleichzeitig muss das Prüfverfahren wissenschaftlich fundiert, transparent, nachvollziehbar und reproduzierbar sein. Gelingt dies, ist für mich ein Einsatz von Hunden auch im klinischen Einsatz vorstellbar.“ Walles denkt, dass Krebsschnüffler eingesetzt werden können, wenn das Computertomographiebild einer Lunge bereits auffällige Veränderungen zeigt, bei denen aber nur die Hundenase sagen kann, ob diese krebsartig sind oder nicht. Vielleicht wird „ins Röhrchen blasen“ in Zukunft eine ganz andere Bedeutung gewinnen: Einmal tief durch das Röhrechen ausatmen bitte, und Dr. med. Fido liefert die Diagnose.

Claire Guest hat ihrerseits im Jahr 2007 die Nonprofitorganisation Medical Detection Dogs MDD gegründet, die unterdessen auch Bettwanzenspürhunde, Allergen- und Diabetikerwarnhunde ausbildet, nach denen eine grosse Nachfrage herrscht. Gegenwärtig sind bei MDD allein 26 Diabetikerwarnhunde in Ausbildung, und 50 Diabetiker warten darauf, einen solchen Hund zu bekommen, der ihnen zuverlässig anzeigt, wenn ihr Blutzuckerspiegel gefährlich tief abtaucht. Claire dagegen arbeitet mit ihrem Krebsschnüffelhund Daisy aber weiterhin bei wissenschaftlichen Studien mit. Unter Daisys Kollegen mit den Supernasen ist auch ein Tierheimhund zu finden: Springer Spaniel Kasper erschnüffelt gegenwärtig Prostatakrebs an Urinproben. Die Frage ist, ob und wann Diagnostikhunde wie Daisy und Kasper in der Praxis, ausserhalb der Forschung, zum Einsatz kommen werden. Die Operation „Krebsschnüffelhund“ steht erst ganz am Anfang.

www.medicaldetectiondogs.co.uk

Eine Reportage von Eva Waiblinger, Fachstelle Heimtiere, Schweizer Tierschutz STS

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